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Simon Breidenbach

„Wir arbeiten seit 40 Jahren am Thema Lehm!“

Simon Breidenbach

© Claytec

„Wir arbeiten seit 40 Jahren am Thema Lehm!“

Interview mit Simon Breidenbach, Gesamtvertriebsleiter Deutschland und Geschäftsführer Österreich der Claytec Lehmbaustoffe GmbH

Das Interview führt Dr. Thomas Belazzi, Geschäftsführer der bauXund gmbh.

Belazzi: Bitte um eine kurze Vorstellung Ihrer Person und Firma.

Breidenbach: Claytec ist ein deutscher Hersteller von Lehmbauprodukten, der europaweit tätig ist. Mein Vater führt das Unternehmen gemeinsam mit meinem Bruder und mir. Ich habe in Deutschland Wirtschaftswissenschaften und anschließend in Wien Export- und Internationalisierungsmanagement studiert. Mein fachliches Wissen haben ich im Familienbetrieb über viele Jahre aufgebaut, eine formelle Ausbildung habe ich dafür nicht.

Belazzi: Produziert Claytec auch in Österreich?

Breidenbach: Derzeit noch nicht. Unsere Märkte sind von Vorarlberg und Tirol, dort viel im Holzbau bis Wien, wo mehr Objektbau ist, verteilt. Daher haben wir uns für eine Produktion in Bayern entschieden, damit können am besten alle österreichischen Projekte gleichzeitig bedienen.

Belazzi: Claytec ist ein Familienbetrieb. Wie waren die Anfänge?

Breidenbach: Der Baustoff Lehm beschäftigte meine Familie seit Anfang 1980er Jahre. Meine Großeltern hatten ein Architekturbüro und suchten damals eine ausführende Firma, die Lehm für Fachwerkhaus-Sanierung verarbeiten konnte und fanden niemand. Das hat dann mein Vater als ausführende Firma übernommen und mit der Produktion von Lehmbaustoffen begonnen. Zuerst wurden diese immer direkt auf der Baustelle hergestellt, das war dann irgendwann nicht mehr praxistauglich. Seit Ende der 1990er Jahre liegt der Focus auf die Produktion von Lehmbaustoffen, wir machen keine ausführenden Tätigkeiten mehr. Wir verarbeiten 50.000 Tonnen Lehm jährlich und haben etwa 100 Mitarbeiter:innen.

Belazzi: Den Bodenaushub der Baustelle direkt vor Ort verarbeiten, um Abfälle zu reduzieren und Kreisläufe zu schließen. Diese Idee wird immer wieder verfolgt, was sich aber oft als schwierig umsetzbar herausstellt. Warum ist das so?

Breidenbach: Grundsätzlich kommt das Interesse am Thema Aushub daher, dass dieser der mit Abstand größte Abfallstrom in einer Volkswirtschaft ist. Lehm ist ein Gemisch, es besteht aus Ton, Sand und Schluff. Diese können an unterschiedlichen Standorten untereinander stark variieren, zusätzlich können organische Bestandteile, aber auch Schadstoffe enthalten sein. Lehm von zwei, beispielsweise 500 Meter auseinanderliegenden Standorten, kann sehr unterschiedlich sein und natürlich auch am selben Platz in unterschiedlichen Tiefen derselben Baugrube.

Belazzi: Damit ist das Thema Qualitätssicherung ein wichtiges.

Breidenbach: Genau. Wie für jedes andere Produkt, das man herstellt, unterliegt man einer Gewährleistung, unser größtes Thema ist daher die Qualitätssicherung. Wir investieren sehr viel um ein gleichbleibendes Produkt zu produzieren, das allen Normen entspricht. Das ist mit wechselnden Rohstoffen nicht machbar. Daher ist es für uns wichtig, eine über Jahre konstante Rohstoffquelle mit gleicher Lehmzusammensetzung zu haben.

Belazzi: Woher bezieht Claytec seinen Rohstoff? Aus einer eigenen Lehmgrube?

Breidenbach: Nein. Unser Lehm ist ein Sekundärrohstoff. Lehm fällt bei der Kiesgewinnung als Deckschicht an. Dieser Lehm ist damit genauso wie Baugrubenaushub ein Abfall, nur günstiger, einfacher, hochwertiger. Wir verwenden sandigen Lehm mit wenig Tonanteil. Daher benötigen wir weniger Sand, der fast immer Primärrohstoff ist. Damit minimieren wir den Sandanteil und damit den Primärmaterialanteil im Endprodukt. Das ist ein großer ökologischer Vorteil.

Ich bin der Auffassung das Lehmbaustoffe viel können, aber sie müssen nicht alles können. Die Zukunft des Bauens entsteht aus meiner Sicht durch das Zusammenspiel unterschiedlicher kreislauffähige Bauprodukte. Jeder Baustoff trägt mit seinen guten Eigenschaften dazu bei.

Belazzi: Das Interesse an der Ökobilanzierung ist aus unserer Beobachtung in den letzten Jahren in Österreich deutlich gestiegen. Und damit die Aufmerksamkeit auf die Herstellungsenergien der Baustoffe. Teilt Sie diesen Eindruck?

Breidenbach: Ich habe bei Claytec zwei Jobs, die einmal den deutschen und einmal den österreichischen Markt bedienen. Ein Kollege betreut die Claytec-Projekte in Skandinavien und Benelux. Ich habe daher einen guten Überblick über verschiedene Länder. Mein Eindruck ist, dass das Interesse an den CO2-Emissionen aus der Baustoffherstellung in anderen europäischen Ländern viel früher begann und heute viel stärker ist als in Österreich. Es wäre fein, wenn Österreich nun aufschließt.

Da im Herstellungsverfahren von Lehmprodukten keine energieintensiven Prozesse benötigt werden, ist natürlich das Einsparpotenzial bei unserer Produktion viel geringer, aber natürlich ist ein bisschen Optimierung immer möglich. Wir haben eine EPD für Lehmputze und Mörtel, eine Aktualisierung der Ökobilanz für die Lehmbauplatte ist in Arbeit.

Belazzi: Wer verwendet Lehmbauprodukte statt konventionellen Baustoffen?

Breidenbach: Unser Brot-und-Butter Geschäft ist die breite Anwendung in der Sanierung und auch der Do-it-yourself Bereich spielt eine große Rolle, wo man mit Eigenleistung die Gesamtkosten senkt. In der Sanierung gibt es für Lehm handfeste bautechnische Gründe, wie die Sanierung von Wiener Zinshäusern mit diffusionsoffener Innendämmung. Diese wird genommen, weil der Bauherr keine Lust mehr auf Bauschäden hat. Man muss beim Baustoff Lehm nicht nur mit Nachhaltigkeit argumentieren, es gibt einen ganzen Strauß an handfesten bautechnischen Argumenten für den Baustoff. Das ist erfrischend.

Belazzi: Was sind die bauökologischen Vorteile von Lehm in Innenausbau?

Breidenbach: Da gibt’s insbesondere vier Argumente: Erstens die Feuchteaufnahme und -abgabe. Lehm kann Feuchtigkeit puffern. Das führt zu einer sehr konstanten Luftfeuchtigkeit, die sehr gut fürs Wohlbefinden ist. Auch die Gebäudetechnik läuft so konstanter und damit kostengünstiger. Zweitens die tolle Ästhetik: Lehm gibt’s nicht nur in braun, auch in schwarz, grün, gelb, weiß, durch natürliche farbige Tone. Drittens werden Gerüche aufgenommen und nicht mehr abgegeben. Und viertens ergibt sich eine verbesserte Akustik, weil Lehm eine große Oberfläche hat.

Belazzi: Wenn Sie einen Wunsch zum besprochenen Thema Lehm in der Bauwirtschaft an die Fee hätten, der sicher in Erfüllung geht, was wäre dieser?

Breidenbach: Mein Wunsch wäre, dass die Kosten des verbauten Materials zu 100% auf den gesamten Lebenszyklus des Gebäudes gerechnet werden müssen. Dann wäre das Mehrkostenthema erledigt, dann würden sich nachhaltige Baustoffe durchsetzen. Hersteller von natürlichen Baustoffen haben nur in der ersten Phase, der Errichtung, ein Mehrkostenthema. Lehm ist sofort ab dem Zeitpunkt der Mitbetrachtung der Betriebsphase kostengünstiger. Und bei zusätzlicher Berücksichtigung der Rückbau- bzw. Neunutzungsphase wäre der Vorteil noch größer.

Wien, im November  2025

Urkundenüberreichung "ÖGNB Gold“

Goldiger ROBIN in der Seestadt

Urkundenüberreichung „ÖGNB Gold“

© ÖGNB - Auszeichnungsveranstaltung am 6.11.2025

ROBIN in der Seestadt

© Patricia Bagienski-Grandits

ROBIN in der Seestadt

© Patricia Bagienski-Grandits

Goldiger ROBIN in der Seestadt

In der Seestadt Aspern auf Bauplatz J11 errichtet der Projektentwickler SoReal GmbH das Ensemble ROBIN Seestadt, bestehend aus drei Objekten, zwei Büro- und einem Bildungsgebäude.

bauXund hat die Zertifizierung (ÖGNB, EU-Taxonomie) und alle dafür erforderlichen Fachplanungsleistungen wie Bauökologie, Ökobilanzierung, Rückbaukonzept, Klimarisikoanalyse etc. durchgeführt. Im November 2025 wurden die Zertifizierungen erfolgreich abgeschlossen und die Urkunden übergeben.

„Wir freuen uns, dass wir für alle drei Objekte die höchste Auszeichnungsstufe „ÖGNB Gold“ erreicht haben,“ sagt bauXund Auditor Michael Kopp MSc. „Weiters erfüllen alle drei Objekte auch die anspruchsvollen Kriterien der EU-Taxonomie Verordnung. Das zeigt den außergewöhnlich hohen Nachhaltigkeitsstandard dieser drei Objekte,“ schließt Kopp.

Das nachhaltige Baukonzept ROBIN ist unter der Führung von Soravia und in Kooperation mit dem Architekturbüro Baumschlager Eberle entstanden. Ein ROBIN Gebäude kommt ohne klassische Heizung, Lüftung und Kühlung aus und kann ganzjährig 22–26 °C sicherstellen. Mithilfe modernster Sensorik und der Gebäudesteuerung werden die relative Luftfeuchtigkeit, die Temperatur sowie der CO2-Gehalt in den Räumen stetig erfasst und Lüftungsklappen bei den Fenstern automatisch nach Bedarf geöffnet. Weiters dient eine Betonkernaktivierung, welche in die Gebäudesteuerung eingebunden ist, zur Temperaturregulierung der Gebäudemassen und Spitzenabdeckung.

Haus A:

Der Neubau umfasst ein 6-geschossiges Bürogebäude mit rund 5.660 m² BGF. Die ÖGNB-Bewertung „Gold“ wurde mit 925 Punkten erreicht.

Haus B:

Der Neubau umfasst ein 6-geschossiges Bürogebäude mit rund 4.570 m² BGF. Die ÖGNB-Bewertung „Gold“ wurde mit 917 Punkten erreicht.

Haus C:

Der Neubau umfasst ein 5-geschossiges Bildungsgebäude mit rund 3.220 m² BGF. Seit dem Wintersemester 2024/25 befinden sich bis zu 750 Studierende, Lehrende und Forschende im Gebäude. Die ÖGNB-Bewertung „Gold“ wurde mit 941 Punkten erreicht.

Urkunde ÖGNB Bewertung Haus A (pdf)

Urkunde ÖGNB Bewertung Haus B (pdf)

Urkunde ÖGNB Bewertung Haus C (pdf)

ORF-Funkhaus

Funkhaus Wien erwacht zu neuem Leben

ORF-Funkhaus Wien

ORF-Funkhaus Wien

Funkhaus Wien erwacht zu neuem Leben

Das ORF-Funkhaus in der Argentinierstraße 30a im 4.Wiener Gemeindebezirk ist ein ganz besonderes Gebäude. Es ist ein Leuchtturm der österreichischen Mediengeschichte und ein Architekturjuwel. Das Gebäude wurde großteils in den Jahren 1935–1939 im Auftrag des Vorgängers des ORF, der staatlichen RAVAG, errichtet. Das Gebäude steht seit 1999 unter Denkmalschutz. 2016 wurde es an die Rhomberg Gruppe verkauft. Diese plant eine multifunktionale Nutzung für das Objekt, einerseits als Location für Kunst- und Kulturschaffende, andererseits als Wohnungen und ein Hotel. bauXund ist mit der Schad- und Störstofferkundung der von der Umnutzung umfassten Gebäudeteile beauftragt.

„Die Schadstofferkundung im Funkhaus ist aufgrund der historischen Bedeutung des Gebäudes eine ganz besondere Aufgabe“, stellt bauXund-Geschäftsführer Dr. Thomas Belazzi fest. „Es ist das älteste Funkhaus Österreichs und diese Geschichte ist in den Aufnahmestudios und den anderen Räumen des Hauses spürbar.

Die Recycling-Baustoff-Verordnung (BGBl.II 290/2016), oft mit „Schadstofferkundung“ gleichgesetzt, ist die gesetzliche Grundlage für die Erkundungsaufgabe. Für manchen ist sie eine lästige gesetzliche Pflicht, die das Bauen noch komplizierter und teurer macht. Doch die steigende Nachfrage nach dieser Leistung zeigt, dass diese als Grundlage für Kreislaufwirtschaft der anfallenden Bauabfälle und zum Schutz der Arbeitnehmer:innen und Anrainer:innen erkannt ist. Und sie liefert die stabile Kalkulationsgrundlage für die zu erwartenden Rückbau- und Entsorgungskosten.

Dipl.-Ing. in Bernadette Luger, MSc

„Material und Emissionen finden durch Kreislaufwirtschaft zueinander“

Dipl.-Ing. in Bernadette Luger, MSc

© Bernadette Luger

Dipl.-Ing. in Bernadette Luger, MSc

© Andreas Neureiter im Auftrag von MIA GmbH

Das Urban Living Lab „Zirkuläres Bauen Wien“ ist ein Reallabor, das im Rahmen des Programms DoTank Circular City Wien 2020–2030 von der Magistratsdirektion – Bauten und Technik initiiert und durch das Innovationsmanagement der Stadt Wien (MA 23) gefördert wird.

Ziel ist es, konkrete Lösungsansätze für zirkuläres Planen und Bauen in Wien zu entwickeln – in enger Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung.

Seit Mitte 2024 bringt das Urban Living Lab als Katalysator für Co-Kreation zahlreiche Akteur*innen aus der Wiener „Kreislaufwirtschafts-Community“ zusammen. In dialog- und experimentbasierten Formaten wird gemeinsam an praktischen Fragen des zirkulären Bauens gearbeitet, Theorie und Praxis verknüpft und Änderungsbedarfe für zirkuläre Rahmenbedingungen identifiziert. Das Reallabor läuft bis Ende 2025.

„Material und Emissionen finden durch Kreislaufwirtschaft zueinander“

Interview mit Arch.in Dipl.-Ing. in Bernadette Luger, MSc, Leiterin der Stabsstelle Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit im Bauwesen in der Stadtbaudirektion der Stadt Wien.

Das Interview führt Dr. Thomas Belazzi, Geschäftsführer der bauXund gmbh.

Belazzi: Bitte um eine kurze Vorstellung Ihrer Person und Position.

Luger: Ich habe Architektur in Wien und Delft studiert, danach einige Jahre in verschiedenen Architekturbüros gearbeitet und schließlich die Ziviltechniker-Prüfung abgelegt. Nach einem berufsbegleitenden Master in Integrative Stadtentwicklung bin ich 2019 zu Urban Innovation Vienna gewechselt. Seit 2022 leite ich in der Stadtbaudirektion der Stadt Wien die Stabsstelle Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit im Bauwesen. Der Name ist unser Programm, und die Kreislaufwirtschaft das Werkzeug, um dieses umzusetzen.

Belazzi: Was sind die zentralen Themen?

Luger: Für die Stadt Wien ist die Etablierung der Kreislaufwirtschaft – neben Klimaschutz und Klimaanpassung – ein zentrales Ziel. Wir sprechen hier von den „3 Ks“. Der politische Auftrag dazu ist in Gemeinderatsbeschlüssen zur Smart Klima City Strategie, zum Wiener Klimafahrplan oder zum Wiener Klimagesetz festgehalten.

Mein Fokus liegt auf Kreislaufwirtschaft im Bauwesen. Es geht darum, den Wandel zum zirkulären Bauen voranzutreiben. Das ist ein Querschnittsthema, das nur im Zusammenspiel vieler Stellen funktioniert. Wien bearbeitet solche Themen in der Regel in magistratsweiten Programmstrukturen, die unterschiedliche Dienststellen und Unternehmungen bzw. Unternehmen der Stadt einbindet. Wichtig ist, verschiedene Perspektiven und Expertisen zusammenzuführen. Das Programm heißt „DoTank Circular City Wien 2020-2030“. Beauftragt wurde es von Stadtbaudirektor Bernhard Jarolim. Unser Ziel: das Konzept der Kreislaufwirtschaft mit konkreten Projekten und Aktivitäten in die Praxis bringen.

Belazzi: Was ist der Zeitplan?

Luger: Der Zielhorizont des Programms ist 2030. Warum? Weil die Smart Klima City Strategie vorgibt, dass kreislauffähiges Planen und Bauen – im Neubau wie in der Sanierung – bis dahin Standard sein soll. Dahinter stehen EU-Richtlinien und Verordnungen, die national umzusetzen sind. Ein Beispiel ist die EU-Gebäuderichtlinie (EPBD). Demnach müssen ab 1. Jänner 2028 die Emissionen eines Gebäudes (Neubau ab 1.000 m2), und zwar sämtliche Module der Lebenszyklusanalyse, offengelegt werden. Ab 2030 gelten Grenzwerte für den CO₂-Ausstoß. Zirkuläres Bauen – und die Anforderungen aus der EU-Bauprodukteverordnung dazu – helfen uns dabei. Nur wenn wir unseren Materialeinsatz neu denken, lassen sich Emissionen spürbar senken. Mit den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft – weniger verbrauchen, länger nutzen, wiederverwenden – entwickeln wir also schon heute konkrete Maßnahmen, um Materialverbrauch und Emissionen gleichermaßen zu verringern. Die Stadt arbeitet hier vorausschauend.

Belazzi: Und was ist der aktuelle Stand bzw. welche Schritte braucht es, um Kreislaufwirtschaft im Bauwesen Realität werden zu lassen?

Luger: Wir stehen mitten im Übergang – von der jahrzehntelang eingeübten Linearwirtschaft hin zur Kreislaufwirtschaft. Viele Bausteine müssen Schritt für Schritt zusammengesetzt werden: von kleinen Anpassungen bis zu großen Systemveränderungen.

Dazu gehört, die Herausforderungen in der Praxis zu erkennen, praktikable Vorgaben zu entwickeln und alle Beteiligten mitzunehmen. Grundvoraussetzung dafür ist, kontinuierlich Bewusstsein zu schaffen – etwa durch Wettbewerbe oder konkrete Projekte, an denen wir ausprobieren und lernen, was funktioniert.

Und weil Kreislaufwirtschaft im Bauwesen nur gemeinsam gelingt, haben wir im Rahmen des Programms das Projekt „Urban Living Lab Zirkuläres Bauen Wien“ gestartet. Es bindet Akteur*innen über die Programmstruktur hinaus ein und ist ein zentraler Teil des Transformationsprozesses.

Belazzi: Die Stadt strebt zirkuläres Planen und Bauen als Standard an. Dann muss dieses definiert und messbar sein. Wie soll das geschehen?

Luger: Zunächst möchte ich betonen: Dieses Ziel ist kein Selbstzweck. Es ist vorausschauendes Handeln – damit wir in Wien auch morgen noch gut leben können. Dafür ist es wichtig zu verändern, wie wir mit Ressourcen umgehen. Ressourcen werden aktuell verschwendet. Die Kreislaufwirtschaft ist das zentrale Werkzeug, um das zu ändern.

Um zu zeigen, wie konkret, haben wir den Zirkularitätsfaktor Wien – kurz ZiFa – gestartet. Er ist mehr als ein reines Bewertungssystem. Er ist Kompass und Steuerungselement zugleich: Er zeigt, was zirkuläres Bauen bedeutet, macht es messbar und treibt den Wandel aktiv voran. ZiFa 1.0, entwickelt mit der BOKU Wien (Prof. Kromoser), liefert uns die wissenschaftliche Basis. Jetzt gehen wir – gemeinsam mit dem Auftragnehmer*innen-Team pulswerk | ÖGUT | ZT Romm – in die Praxis: Wir testen den ZiFa an realen Bauprojekten, lernen, welche Informationen wirklich gebraucht werden, wie einfach die Anwendung ist und wo der Markt steht. Ende 2026 soll ZiFa 2.0 vorliegen und breit anwendbar sein.

Warum wir das als Stadt selbst entwickeln? Weil es bislang kein gesamthaftes, praxisnahes, auf den Wiener Kontext zugeschnittenes und unabhängiges System gibt. Mit dem ZiFa schaffen wir ein frei zugängliches Werkzeug, das auf unsere Ziele und Prozesse ausgerichtet ist. Gleichzeitig bauen wir eigenes Know-how auf und können den Diskurs proaktiv, gemeinwohlorientiert und zukunftsgerichtet mitgestalten – noch bevor EU-Vorgaben (wie EPBD oder Bauprodukte-Verordnung) verbindlich werden.

Belazzi: Die Kreislaufwirtschaft hat mittel- und langfristig auch eine hohe wirtschaftliche Bedeutung für Wien bzw. Österreich.

Luger: Richtig. Sie macht unsere Volkswirtschaft stärker, denn sie reduziert die Ressourcenabhängigkeit, schafft neue und sichert bestehende Arbeitsplätze ab. Es ist Standortpolitik, unabhängig von Klima- und Umweltfragen.

Belazzi: Was muss ein Bauträger in Wien zukünftig verstärkt beachten, was wird anders?

Luger: Ganz einfach: Materialverbrauch und die damit verbundenen Umweltwirkungen, wie Emissionen, werden zentrale Entwurfs- und Entscheidungskriterien. Auftraggeber*innen und Planende müssen sich fragen: Wie gehe ich mit Baustoffen um? Wie viel verbrauche ich davon? Wie kann ich energieintensive Primärrohstoffe reduzieren, Gebäude langlebiger und umnutzungsfähig gestalten und später auf die verbauten Materialien zurückgreifen? Das Ziel ist klar, der Weg flexibel.

Wichtig ist: Kreislaufwirtschaft muss integraler Bestandteil jeder Bauentscheidung werden – und sie beginnt bereits beim ersten Entwurf. Zirkuläres Bauen geht weit über die Materialwahl hinaus: Räumliche Qualitäten und Nutzungsflexibilität sind zentrale Faktoren, die bisher oft zu wenig Beachtung fanden – dabei entscheiden sie maßgeblich darüber, wie lange ein Gebäude genutzt werden kann. Genau darauf geht auch der ZiFa ein.

Belazzi: Welche praktischen Umsetzungsschritte setzt die Stadt Wien zur Kreislaufwirtschaft?

Luger: Dies erfolgt bereits in aktuellen Stadtentwicklungsgebieten wie Seestadt Aspern und am Nordwestbahnhof ebenso in zukünftigen wie Rothneusiedl. Die Wohnbauförderung bildet das Thema in Bauträgerwettbewerben ab, auch Wettbewerbe der Stadt Wien, etwa zu den Schulcampus-Objekten enthalten bereits Vorgaben zum zirkulären Bauen.

Wien geht hier wichtige Schritte – aber der Wandel braucht noch viel mehr. Ob er gelingt, hängt davon ab, wie sehr alle an einem Strang ziehen.

Wien, im September  2025

Sport Arena Wien

Energieautarke Sport Arena Wien

Energieautarke Sport Arena Wien

© Strabag

Energieautarke Sport Arena Wien

© Strabag

Energieautarke Sport Arena Wien

© Strabag

Energieautarke Sport Arena Wien

© Strabag

Energieautarke Sport Arena Wien

© Strabag

Energieautarke Sport Arena Wien

Am 6. September 2025 wurde die neue Sport Arena Wien mit einem großen Fest offiziell eröffnet. Sie ist eine multifunktionelle Sporthalle mit drei unabhängig bespiel- und begehbaren Einheiten, auf verschiedenen Ebenen. Die Anlage dient als Trainings- und Veranstaltungsstätte und kann auch für internationale Spiele genutzt werden.

„Es ist die erste Sporthalle dieser Größenordnung in Österreich und wird nach anspruchsvollen Vorgaben hinsichtlich Nachhaltigkeit und Klimaschutz realisiert. Das Gebäude erreicht den Zertifizierungsstandard "klimaaktiv Gold", freut sich bauXund-Projektleiter Dipl.-Ing. Lukas Wukits. „Wir haben bei allen eingesetzten Baustoffen deren bauökologische Qualität nach ÖkoKauf Wien Kriterien geprüft und den Generalunternehmer ARGE Granit-Strabag bei der Erfüllung der klimaaktiv Gold Kriterien unterstützt.“

Die an der Stelle des Dusika Radstadions neben den Ernst-Happel-Stadium errichtete Halle, geplant von Architektur Karl und Bremhorst Architekten ZT GmbH, hat beeindruckende Dimensionen: Die drei Hallen haben 13.000 m² Sportflächen für Leichtathletik Ballsport, Turnen, Kraft- und Kampfsport und Multifunktionsräume für Yoga, Cheerleading, Kinderturnen und Gesundheitssport. Durch die in Ebenen angeordneten Sportbereiche konnte bei gleichzeitiger Reduktion der versiegelten Fläche eine Verdreifachung der Sportnutzfläche gegenüber dem früheren Dusika-Stadium erreicht werden.

Das Gebäude wird vollständig mit erneuerbaren Energien betrieben. Die Temperaturregelung, sowohl Heizung als auch Kühlung, erfolgt durch ein innovatives System aus Geothermie, Wärmepumpen und Bauteilaktivierung. Die benötigte Energie stammt von der eigenen Photovoltaikanlage. Durch die direkte Anbindung an die U-Bahn-Linie U2 (Station „Stadion“) und weitere öffentliche Verkehrsmittel ist die Sport Arena Wien sehr gut öffentlich erreichbar.

„Wir von bauXund freuen uns bei diesem Leuchtturmprojekt der Sport Arena Wien bei Bauökologie und klimaaktiv Gold Audit mitgewirkt zu haben,“ schließt bauXund-Geschäftsführer Dr. Thomas Belazzi.

Zeitlhofergasse 3

Goldiges Wohnprojekt in Schwechat

Wohnprojekt Zeitlhofergasse 3

© BOKEH designstudio

Wohnprojekt Zeitlhofergasse 3

© BOKEH designstudio

Wohnprojekt Zeitlhofergasse 3

© BOKEH designstudio

Goldiges Wohnprojekt in Schwechat

Das Wohnprojekt Zeitlhofergasse 3 befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Rathaus und Rathauspark der Stadtgemeinde Schwechat im südöstlichen "Speckgürtel" Wiens unweit der Stadtgrenze. Es werden dort vom Bauträger KIBB Immobilien GmbH 58 nicht geförderte Eigentumswohnungen mit einer Wohnnutzfläche von insgesamt 4.270 m² errichtet. Dieses wird klimaaktiv zertifiziert. Ein Vorzertifikat in „Gold“ mit 928 Punkten ist bereits ausgestellt. Der Baubeginn ist für September 2025, die Fertigstellung im Oktober 2026 geplant.

„Das klimaaktiv Zertifizierungsziel „Gold“, d. h. mindestens 900 Punkte, wurde durch die sehr gute Zusammenarbeit in der gesamten Planungszeit zwischen Bauträger, Planungs-und bauXund-Auditteam für das Vorzertifikat bereits erreicht,“ verrät bauXund-Auditor Dipl.-Ing. Lukas Wukits das Erfolgsgeheimnis dieses Projekts. „Mit dem baldigen Baubeginn werden wir das nun in der Bauphase fortsetzen.“

Das dreigeschoßige Wohngebäude wird über drei Stiegen erschlossen. Die Wohneinheiten im Erdgeschoß verfügen über einen Eigengarten, alle anderen Wohnungen über eigene Freibereiche in Form von Terrassen, Balkonen oder Loggien.

Im Keller sind 87 PKW-Stellplätzen, Kellerabteile sowie Technikräume untergebracht. Vorrichtungen für Anschlüsse für E-Mobilität sind für alle Stellplätze vorgesehen. Im Erdgeschoß sind ein Kinderwagenabstellplatz und zwei Fahrradräume im Gebäudeinneren angeordnet. Am Dach der Wohnhausanlage befindet sich eine PV-Anlage mit einer Leistung von 130 kWp, die zur nachhaltigen Energieversorgung des Gebäudes beiträgt. Die Regenwässer der Dächer werden in einer Zisterne gesammelt und zur Gartenbewässerung verwendet; überschüssiges Wasser wird auf dem Grundstück versickert.

Die Flachdächer werden mit extensiver Begrünung ausgeführt. Weitere Informationen: stadt-garten.at

Weiters wird ein planungs- und baubegleitendes Produkt- und Chemikalienmanagement durch bauXund umgesetzt, das am Ende der Bauphase durch Raumluftmessungen qualitätsgesichert wird und so eine gesunde Raumluft für die Bewohner:innen gewährleistet.

Neuer klimaaktiv Kriterienkatalog veröffentlicht

bauXund ist klimaaktiv Kompetenzpartner

bauXund ist klimaaktiv Kompetenzpartner

bauXund-Projekt Semmelweisklinik Haus 1

bauXund klimaaktiv-Auditprojekt Semmelweisklinik

bauXund-Projekt Linke Wienzeile

bauXund klimaaktiv-Auditprojekt Linke Wienzeile

Neuer klimaaktiv Kriterienkatalog veröffentlicht

Am 15. Juli 2025 wurde der neue klimaaktiv Kriterienkatalog vorgestellt. Dieser ist gegenüber seinem Vorgänger aus 2020 deutlich überarbeitet. Spannend ist, dass alle Kriterien der EU-Taxonomie Verordnung abgebildet sind, was eine Doppelzertifizierungen klimaaktiv & Taxonomie wesentlich vereinfacht. Den neuen Bewertungskatalog gibt es für Wohn- und Nicht-Wohngebäude. Bis Jahresende 2025 sind neben dem neuen auch noch klimaaktiv Projektanmeldungen zur Zertifizierung mit dem 2020er Katalog möglich.

Vieles ist neu in diesem Kriterienkatalog, manches blieb gleich wie etwa das 1000 Punkte System und vier Bewertungskategorien. Letztere wurden allerdings teilweise umbenannt und auch deutlich umgestaltet. Es wurden neue Kriterien integriert bzw. bestehende teilweise anders zugeordnet. Die vier neuen Bewertungskategorien sind „Klimawandelanpassung und Standort“, „Energie und Versorgung“, „Ressourcen und Kreislaufwirtschaft“ und „Komfort und Gesundheit“.

Ein paar zentrale Fakten:

  • Das bisherige Kapitel „Standort“ wurde im Sinne der Taxonomie um die Aspekte Klimawandelanpassung und Biodiversität ergänzt. Eine fundierte Klimarisikoanalyse und Vulnerabilitätsbewertung ist nun ein zentrales Kriterium.
  • „Energieeffizienz und Klimaschutz“ bleibt mit 500 Punkten der zentrale Bewertungspunkt des klimaaktiv Systems. Der Kühlbedarf ist kein Muss-Kriterium mehr.
  • Im bisherigen „Baustoffe und Konstruktionen“-Kapitel aus dem Kriterienkatalog 2020 werden nun Aspekte des Zirkulären Bauens und der Wassereffizienz stärker berücksichtigt. Auch das Produkt- und Chemikalienmanagement wurde umstrukturiert. Dieses startet nun mit der Einhaltung von „Basis“-Kriterien zur Vermeidung von Raumluftschadstoffen. Darauf aufbauend sind die „naBe“-Kriterien für die nachhaltige öffentliche Beschaffung, die „ÖkoBau“-Kriterien sowie die EU-Taxonomie-Vorgaben für Baustoffe wie die SVHC-Freiheit als Upgrades optional auswählbar. Raumluftmessungen belegen die erreichte Luftqualität. Bei Sanierungen ist die Schadstofferkundung ein Bewertungskriterium.
  • Im Bereich „Komfort und Gesundheit“ rücken Sommertauglichkeit und Tageslichtversorgung noch stärker ins Zentrum. Die Thermografie-Messung  ist ein neues zusätzliches Qualitätssicherungsinstrument.

Weitere Informationen: Der neue klimaaktiv Kriterienkatalog 2025