Alle Beiträge von Angela Slama

Dr. Thomas Belazzi (GF bauXund), Harald Jessl (CFO CUUBUUS), Eduard Mair (CEO CUUBUUS), Michael Kopp, MSc. (Auditor bauXund)

Das goldene Artmann

Michael Kopp, Harald Jessl (CUUBUUS), Eduard Mair (CUUBUUS), Thomas Belazzi © Peter Berger

Michael Kopp, Harald Jessl (CUUBUUS), Eduard Mair (CUUBUUS), Thomas Belazzi © Peter Berger

Artmann

Außenansicht Artmann © Peter Berger

Artmann

Terrasse Artmann © Peter Berger

Artmann

Ausblick vom Artmann © Peter Berger

Das goldene Artmann

Im April 2024 fand die Übergabe des klimaaktiv Vorzertifikats in Gold statt. Der Geschäftsführung des Projektentwickler CUUBUUS, Harald Jessl (CFO) und Eduard Mair (CEO), wurde die klimaaktiv Urkunde übergeben von bauXund, vertreten durch Auditor Michael Kopp und Geschäftsführer Thomas Belazzi.

Seit 158 Jahren steht das von Militärarchitekt Ferdinand Artmann geplante Gebäude am Donaukanal im 2. Wiener Gemeindebezirk. Das als Verwaltungsgebäude des Militärverpflegungsetablissement der k. und k. Armee errichtete und bereits mehrfach umgenutzte Objekt wird nun vom Projektentwickler CUUBUUS in einem Wohnprojekt umgewandelt. bauXund ist mit der klimaaktiv Zertifizierung des Backsteingebäudes beauftragt. Als wichtiger Meilenstein konnte nun das klimaaktiv-Planungszertifikat in Gold erreicht werden.

„Das Artmann ist österreichweit das erste denkmalgeschützte Gebäude, das nach einer umfassenden Sanierung mit dem Zertifikat klimaaktiv Gold ausgezeichnet wird,“ freut sich bauXund-Geschäftsführer Dr. Thomas Belazzi. „Damit wird belegt, dass diese Immobilien zukunftsfit und damit besonders werthaltig gemacht wurde. Das Artmann ist somit zu einem Leuchtturmprojekt für ganz Österreich.“

Die Fertigstellung der Bauarbeiten ist für 2024 geplant. Das Artmann hat 75 Eigentumswohnungen und vier Penthäuser. Das Haus wird mit einer Wärmepumpe beheizt, die sich ihre Energie aus dem nahen Donaukanal holt. Am Dach befindet sich eine PV-Anlage. Im Rahmen der Sanierung wurde die thermische Gebäudehülle wesentlich verbessert und eine kontrollierte Be- und Entlüftung mit Wärmerückgewinnung eingebaut. Die bauökologische Qualität stellte bauXund mit einem Produkt- und Chemikalienmanagement sicher.

>> Presseaussendung "Nachhaltigkeit als Wirtschaftsfaktor"

Arwag im Dritten

Arwag im Dritten

© Arwag Living in Town GmbH

Arwag im Dritten

Die ARWAG errichtet in der Adolf-Blumauer-Gasse 11 im 3. Wiener Gemeindebezirk 127 geförderte Wohneinheiten, neun StudentInnen WG´s, einem MA 11 Krisenzentrum und mehreren Geschäftsflächen. Das Projekt wird auf Bauplatz 10 des Quartiers „Village im Dritten“ (auch „Eurogate II“) als Siegerprojekt des gleichnamigen Wettbewerbs errichtet.

bauXund ist im Rahmen der langjährigen Zusammenarbeit mit der ARWAG mit der bauökologischen Begleitung beauftragt. Die Fertigstellung ist für 2025 geplant.

bauXund setzt seit 20 Jahren im Rahmen des von bauXund entwickelten Chemikalien- und Produktmanagements bauökologische Konzepte für gesunde Raumluft und Klimaschutz um. Die Umsetzung der bauökologischen Kriterien erfolgte durch deren Integration in die Ausschreibung und sie wurden damit Vertragsbestandteil der Auftragnehmer. bauXund prüfte die von diesen verwendete Produkte vor deren Einsatz und stellte anschließend durch baubegleitende Kontrollen deren Verwendung sicher.

Die bauXund-Beratungsleistungen:

  • bauXund begleitet die Ausschreibungen und stellt so die Integration der bauökologischen Vorgaben sicher.
  • Mit dem bauXund Chemikalien- und Produktmanagement wird die Einhaltung aller bauökologischen Qualitätskriterien in der Bauphase sicherstellen.
  • Das Hauptaugenmerk gilt der Minimierung des Einsatzes von gesundheits- und umweltschädlichen Produkten und Chemikalien, insbesondere zur Vermeidung von klimaschädlichen HFKW, von PVC, Bioziden, Schwermetallen und organischen Lösungsmitteln (VOC).
Taborama

Audit-Hotspot Nordbahnhof

Wohnprojekt Taborama, © PicMyPlace

Wohnprojekt Taborama, © PicMyPlace

Wohnprojekt Leystraße 154

Wohnprojekt Leystraße 154

Nordbahnhof Baufeld 6a1

Wohnprojekt Eva-Popper-Weg 8

Wohnprojekt Taborstraße 119

Wohnprojekt Taborstraße 119

Audit-Hotspot Nordbahnhof

2021 berichteten wir im Newsetter über die Bauvorhaben im neuen Nordbahnhof-Viertel, die bauXund als Auditor und/oder Bauökologie-Konsulent begleitet und die damals noch in Planung oder erst am Beginn der Bauphase waren. Nun, drei Jahre später, dürfen wir berichten, dass 10 der 11 Projektbegleitungen bzw. Audits abgeschlossen oder fast abgeschlossen sind. Das letzte Projekt hat nun im April 2024 Baubeginn.

bauXund begleitet/e elf Bauvorhaben im neuen Nordbahnhof-Viertel. Diese Projekte haben einen bunten Mix an Nachhaltigkeitskriterien. So wurde/wird bei allen 11 Bauvorhaben ein Produkt- und Chemikalienmanagement für gesunde Innenräume umgesetzt. Weiters erfolgt/en in Summe sechs Gebäudebewertungen (ÖGNI, klimaaktiv, ÖGNB), bei drei Projekten wurde bzw. wird die Umsetzung der Kriterien der EU-Taxonomie Verordnung sichergestellt und dreimal wurde bzw. wird das Prüfsiegel „bauXund schadstoffgeprüft“ angestrebt.

Die fünf Bauträger Strabag Real Estate, KIBB, ÖSW, ARWAG und WOGEM, die diese 11 Projekte realisieren, errichten in Summe mehr als 1.200 Eigentums- und Mietwohnungen, freifinanzierte ebenso wie geförderte. Weiters entsteht ein Apartmentgebäude mit etwa 10.000 m², mehrere kleine Wohnheime und Büroflächen.

„Wir freuen uns über diese geballte Ladung an Bauvorhaben mit Nachhaltigkeitsvorgaben. Und wir haben bei allen Projekten die Zielvorgaben der Bauträger hinsichtlich Zertifizierung und Bauökologie erreicht“, stellt bauXund Geschäftsführer Dr. Thomas Belazzi fest. „Die Entwickler im Nordbahnhof-Viertel waren aus meiner Sicht ihrer Zeit betreffend Nachhaltigkeitszielvorgaben voraus. Heute ist dies bei vielen Bauträgern bereits zum Standard geworden“, schließt Belazzi.

Bilder links:

Wohnprojekt Taborama, Am Tabor 23, 1020 Wien
Bauträger: Strabag Real Estate.
Audits: klimaaktiv, ÖGNB, bauXund Prüfsiegel

Wohnprojekt Leystraße 154, 1020 Wien
Bauträger: KIBB
Audit: klimaaktiv

Wohnprojekt Eva-Popper-Weg 8, 1020 Wien
Bauträger: Strabag Real Estate
Audits: ÖGNI, EU-Taxonomie

Wohnprojekt Taborstraße 119, 1020 Wien
Bauträger: ÖSW
Audit: bauXund Prüfsiegel

 

 

Nächster Schritt: CO2-neutrale Baustelle

Mischek-Fertigteil-Logistik mit Bahn (2003)

Mischek-Fertigteil-Logistik mit Bahn (2003)

Sanierung statt Neubau

Sanierung statt Neubau

Recyclingmaterialien sparen Rohstoffe und Energie

Recyclingmaterialien sparen Rohstoffe und Energie

PV-Paneele zur Eigenstromerzeugung

PV-Paneele zur Eigenstromerzeugung

Einsatz nachwachsender Rohstoffe (zB Schafwoll-Dämmung)

Einsatz nachwachsende Rohstoffe (z.B. Schafwolle)

Nächster Schritt: CO2-neutrale Baustelle

Die Diskussion über Nachhaltigkeitsaspekte in der Bauwirtschaft dauert schon einige Jahrzehnte:

Am Beginn stand bei der Diskussion vorwiegend den Energieverbrauch der Gebäude im Mittelpunkt, Begriffe wie Niedrigenergiehaus, Passivhaus, später auch Null- und Plusenergiehaus beschreiben diese Bemühungen. Mit sinkenden CO2-Emissionen aus dem Gebäudebetrieb stieg die Aufmerksamkeit für die Herstellung der Baustoffe, wie groß deren „ökologischer Fußabdruck“ (oder „Rucksack“) in einer Ökobilanz ist. Und damit, wie relevant die CO2-Emissionen für die Baustoffe im Vergleich zu den Emissionen für Heizen, Kühlen und Warmwasserbereitung dieses Gebäudes sind. bauXund errechnete etwa für ein Projekt 2010, dass die CO2-Emissionen aller Baustoffe dieses großen Bürogebäudes im (fast) Passivhausstandard etwa den CO2-Emissionen dieses Objekts für 30 Jahre des Gebäudebetriebs entsprachen, also sehr relevant waren.

Parallel dazu ist der Einsatz von Baustoffen mit minimiertem und noch besser positivem CO2-Fussabruck in jedem Fall dringend erforderlich. Dazu zählen etwa Baustoffe aus nachwachsenden Rohstoffen ebenso wie CO2-reduzierter Beton (siehe letzter Newsletter 4/23).

Ein weiterer Schritt, die CO2- und Schadstoff-Emissionen zu senken, war die Befassung mit dem Thema des Transports der Baustoffe zur Baustelle. bauXund war an dem von der Stadt Wien (Baudirektion) koordinierten EU LIFE Umwelt Projekt „RUMBA“ (Richtlinien für umweltfreundliche Baustellenabwicklung“) beteiligt. Dieses befasste sich von 2001-2004 mit Möglichkeiten der Minimierung der Straßenanlieferungs-Kilometer bei der Gebäudeerrichtung. Themen waren unter anderem die Emissionsreduktion durch energieeffizientere LKW mit bestmöglicher EURO-Emissionsklasse und auch Vorgaben zu Transportentfernung für LKW-Fahrten. Dies wurde sowohl theoretisch-technisch als auch praxisnah durch Begleitung eines konkreten Bauprojekts mit 500 Wohneinheiten auf fünf Bauplätzen im 11.Wiener Gemeindebezirk erprobt.

Diese RUMBA-Erkenntnisse waren Grundlage für einige Großprojekte der Stadt Wien wie bei der Errichtung des Hauptbahnhofs in Wien, wo der überwiegende Teil der Aushubmenge nicht weggeführt, sondern zur Geländemodellierung für den zentralen Helmut-Zilk-Park und die umgebenden Flächen verwendet wurde. Eine andere Großbaustelle war eine Bauphase in der Seestadt Aspern für 3.000 Wohneinheiten, wo u. a. der Kies aus Aushubarbeiten in einer Ortbetonanlage vor Ort verarbeitet wurde. Für unterschiedliche Anwendungen am Bauplatz verwertete man etwa 1 Mio. Tonnen Aushubmaterial und vermied damit deren Abtransport.[1]

Auch die Sanierung von Gebäuden statt deren Abbruch und Neubau ist eine sehr CO2-relevante Maßnahme, sind doch in der Tragwerkkonstruktion inkl. Fundierung etwa 70 – 80 % des CO2-Rucksacks eines Stahlbeton-Gebäudes verbaut. Durch Sanierung bleiben diese Baustoffe erhalten, müssen nicht neu produziert und angeliefert werden, was eine massive CO2-Einsparung darstellt.

Ein Thema aus der Errichtungskette von Gebäuden hat bislang nur vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit bekommen: die CO2-Reduktion des Baustellenbetriebs. Hier sind zuallererst Effizienzmaßnahmen wichtig, wie etwa den Strombedarf für Heizung und Kühlung der Baucontainer durch verbesserte Wärmedämmung der Container und bessere Bedarfssteuerung bei Klima/Heizung zu minimieren. Weiters sollte der Umstieg, wo möglich und sinnvoll, von Diesel- auf Strombetrieb forciert werden. Vieles ist hier schon möglich, zeigt etwa eine aktuelle Studie der ÖGNI.[2] Weitere wichtige Schritte bei der CO2-Reduktion sind die Erzeugung von erneuerbarer Energie auf der Baustelle (z.B. PV auf Baucontainern, Kleinwindräder auf dem Kran, wie jüngst vom Bauträger Süba auf einer Baustelle in NÖ umgesetzt.). Der zusätzlich zugekaufte Strom sollte immer zertifizierter Ökostrom (gemäß Österr. Umweltzeichen UZ46 „Grüner Strom“) sein.

Resümee: Das Wissen zur signifikanten CO2-Reduktion des gesamte Lebenszyklus von Gebäuden ist heute bereits weitgehend vorhanden. Die Baubranche in Österreich ist bereits ein Stück des Weges zur Klimaneutralität gegangen. Sie hat als größter CO2-Emitent der Volkswirtschaft aufgrund der Klimakrise sicher nicht weitere 40 Jahren Zeit, CO2-neutral zu werden. Es sind daher sowohl verbesserte gesetzliche, steuerliche und noch weiter verbesserte technische Rahmenbedingungen erforderlich. Die Baubranche muss dennoch auch konsequent selbst verantwortungsvoll handeln.

[1] http://www.romm.at/projekte/bauen/detail/seestadt-aspern

[2] ÖGNI Studie

Dr. Jutta Kraus, Bundesministerium für Klimaschutz, Sektion V „Umwelt und Kreislaufwirtschaft“

„Bei der Schad- und Störstofferkundung und dem Rückbau auf Baustellen ist noch viel Luft nach oben“

Dr. Jutta Kraus

„Bei der Schad- und Störstofferkundung und dem Rückbau auf Baustellen ist noch viel Luft nach oben“

Interview mit Dipl.-Ing.in Dr.in Jutta Kraus, Bundesministerium für Klimaschutz, Sektion V „Umwelt und Kreislaufwirtschaft“

Das Interview führt Dr. Thomas Belazzi, Geschäftsführer der bauXund gmbh.

Belazzi: Können Sie sich bitte kurz vorstellen?

Kraus: Ich bin technische Chemikerin und seit bald 30 Jahren als Sachverständige im Ministerium tätig. Meine Themenfelder sind fachlich chemische zum großen Bereich des Recyclings von Baurestmassen wie die Recycling-Baustoffverordnung oder die Recyclinggips-Verordnung und auch zur Deponieverordnung.

Belazzi: In Österreich fallen laut Bundes-Abfallwirtschaftsplan 2023 etwa 70 Mio. Tonnen Abfälle an. Wie groß ist der Anteil der Bauwirtschaft?

Kraus: Von den genannten 70 Mio. Tonnen, diese Zahlen stammen aus 2020, sind etwa 41 Mio. Tonnen Aushubmaterialien und etwa 11 Mio. Tonnen Bau- und Abbruchabfälle. Das heißt: In Summe ist die Bauwirtschaft für 75% des gesamten österreichischen Abfallanfalls verantwortlich.

Belazzi: Damit ist klar, dass wir mit der Bauwirtschaft im Zentrum des Abfallanfalls angekommen sind…

Kraus: Ja, ganz bestimmt. Und die Entwicklung ist eindeutig: Es gab einen laufenden Anstieg des Abfallanfalls. Von 2015 bis 2020 war der Anstieg 24% bei Aushub, bei den Bau- und Abbruchabfällen 14%.

Belazzi: Wie ist das begründet?

Kraus: Der Grund liegt aus meiner Sicht einerseits an der vermehrten Bautätigkeit in den letzten Jahren, aber auch, dass das Thema Abfallvermeidung noch nicht wirklich angekommen ist. Denn der Ausblick gemäß den Prognosen des Umweltbundesamtes im Bundes-Abfallwirtschaftsplan 2023 zeigt zwischen 2019 und 2026 einen Anstieg beim Aushub um 8%, bei Bau- und Abbruchabfällen sogar um 28%.

Die EU-Kreislaufwirtschaftsstrategie definiert eine Reduktion von 25% bis 2030. Dafür gibt es leider keine einfachen Lösungen. Der erforderliche Maßnahmenmix verlangt ein komplexes Zusammenspiel aller Beteiligten, von Bund, Ländern, Gemeinden, den Planenden und der Bauwirtschaft. Als Grundlagendokument ist der Plan sehr gut. Er betont etwa die Wichtigkeit der Sanierung gegenüber dem Neubau und den Einsatz von Sekundärmaterialien. Auch die Trennbarkeit bei Verbundmaterialien ist ein wichtiges Thema. Oft besteht hier ein Zusammenhang zwischen hochentwickelten Baustoffen mit unterschiedlichen Materialkomponenten und deren schlechter Trennbarkeit.

Belazzi: Was wären noch Maßnahmen, die Kreislaufwirtschaft zu fördern?

Kraus: Optionen gibt es mehrere, deren Auswahl ist aber ein politisches Thema. Aus fachlicher Sicht reichen die Möglichkeiten der Förderung von Recycling-Baustoffen  - z.B. verpflichtende Recyclingquoten -  über das Verbot der Deponierung ausgewählter Abfallfraktionen bis hin zu steuerlichen Anreizen (Stichwort Kostenwahrheit). Fakt ist, dass Primärmaterialien oft günstiger sind als Recyclingmaterialien. Denn letztere haben den Zusatzaufwand für die Sammellogistik ebenso wie für die begleitende Analytik, damit sichergestellt ist, dass die recycelten Baustoffe sauber und sicher sind.

Belazzi: Welche konkreten Maßnahmen aus Ihrem Bereich wurden in der letzten Zeit umgesetzt oder sind in Vorbereitung?

Kraus: Wir haben Deponierungsverbote formuliert, etwa das mit 1.1.2024 in Kraft getretene Verbot der Deponierung von z.B. Straßenaufbruch, technischem Schüttmaterial, Betonabbruch, Gleisschotter und Asphalt, das gut angenommen wird. Auch konkretisieren wir Abfallzuordnungen und damit Abfall-Schlüsselnummern, etwa um Glas- und Mineralwolle unterscheidbar zu machen. Denn das ist die Grundvoraussetzung für die getrennte Sammlung und das Recycling. Die Recyclinggips-Verordnung, die derzeit in Begutachtung ist und noch heuer in Kraft treten soll, wird das für 1.1.2026 beschlossene Verbot der Deponierung von Gipsplatten bei Verwertbarkeit detaillieren. Und dann gibt es als zentrales Instrument die Recycling-Baustoffverordnung, die schon 2016 in Kraft getreten ist. Deren normative Grundlagen werden regelmäßig verbessert.

Belazzi: Können Sie noch weitere Informationen zur geplanten Recyclinggips-Verordnung geben?

Kraus: In der Recyclinggips-Verordnung sind Gips-Wandbauplatten, früher Gipsdielen genannt, Vollgipsplatten, Gipsbausteine, Gips-Feuerschutzplatten, Gipsvliesplatten und Gipsfaserplatten enthalten. Früher nannte man Gipsplatten Gipskartonplatten. Nicht erfasst ist z.B. Stuckgips, der darf mangels der Möglichkeit einer getrennten Erfassung weiter deponiert werden.

Belazzi: Wo bzw. wie kann der Recycling-Gips verwendet werden?

Kraus: Das vorzeitige Abfallende ist für den direkten Einsatz des Recycling-Gipses in Gipsplatten geplant. Gips kann aber auch in der Gipsbindemittelindustrie und der Zementindustrie eingesetzt werden. Die Nachfrage nach Gips steigt, gleichzeitig sinkt die Menge an REA-Gips aus der Rauchgasreinigung von Kohlekraftwerken, weil diese nun europaweit aus Klimaschutzgründen weniger werden. Gips ist chemisch auch ein schöner Fall, da es als Material beliebig oft im Kreislauf geführt werden kann. Anlagen für das Gips-Recycling in Österreich sind bereits in Planung. Ein Zusatz-Benefit ist, dass durch die Abtrennung des Gipses aus dem Abfallstrom der Baurestmassen das Sulfat-Problem auf Deponien deutlich reduziert wird. Auch die Kontamination der Gesteinskörnungen mit Sulfat, die z.B. bei der Herstellung von Beton stört, wird so reduziert. Wir haben daher einen Mehrfachnutzen. Das ist eine wunderbare Sache.

Belazzi: Für Mineralwolle gibt es seit der Novelle der Deponieverordnung 2021 auch ein Deponierungsverbot ab 1.1.2027. Davor soll es noch eine Evaluierung der technischen Umsetzbarkeit geben.

Kraus: Nach mir vorliegenden Informationen funktioniert bei Glaswolle das Recycling auch von Glaswollen anderer Hersteller technisch bereits sehr gut. Bei Mineralwolle gibt es technisch da noch mehr Probleme, da Mineralwollen sich untereinander chemisch stärker unterscheiden, aber es wird daran gearbeitet. Eine Anlage in Österreich für Glas- und Mineralwolle ist in Planung. Ich befürworte die Beibehaltung der in der Deponieverordnung gesetzten Frist eines Verbots mit 1.1.2027, da die Vorlaufzeit seit 2021 ausreichend lange ist, um die Umsetzbarkeit sicherzustellen. Ein weiterer Anreiz für das Recycling sind die in den letzten Jahren massiv gestiegenen Preise für die Deponierung von Mineralwollen, weil diese die Standsicherheit von Deponien beeinträchtigen.

Belazzi: Eine Bodenaushubverordnung ist ebenfalls in Erstellung?

Kraus: Ja, wir arbeiten an einem Begutachtungsentwurf. Es sollen die Behandlungspflichten, sprich die Inhalte des aktuellen Bundes-Abfallwirtschaftsplans, in eine Verordnung übergeführt und um Regelungen zu einem vorzeitigen Abfallende erweitert werden. Damit wird Rechtssicherheit geschaffen. Diese wird absehbar nicht 2024 in Kraft treten, aber es soll heuer noch der Entwurf in Begutachtung gehen. Bodenaushub wird von Baufirmen zumeist deponiert - aus den Augen aus dem Sinn – anstatt diesen als Rohstoff zu sehen und sich eine Verwertung zu überlegen. Sie gehen den bisher gegangenen und scheinbar einfacheren Weg. Die Bodenaushubverordnung soll hier einen Impuls für ein Umdenken geben.

Belazzi: Die Recycling-Baustoffverordnung ist nun acht Jahre alt. Was ist Ihre Bilanz?

Kraus: Es hat sich viel getan: Die Schad- und Störstofferkundung ist etabliert. Wir haben nun nicht nur allein Asbest als Schadstoff, sondern eine viel längere Liste von PAK/Teer über PCB bis FCKW und Schwermetalle. Ebenso ist die Trennpflicht von gefährlichen und nicht gefährlichen Abfällen verankert. Damit fallen Schadstoffe auch tatsächlich an! Auch der Rückbau bekam einen Impuls. Fakt ist aber auch, dass bei der Schad- und Störstofferkundung und dem Rückbau auf Baustellen noch viel Luft nach oben ist.

Wir haben auch die „rückbaukundige Person“ ins Leben gerufen. Zu Beginn war die Sorge, dass es zu wenige rückbaukundige Personen geben wird. Heute, eben 8 Jahre später, haben wir genug. Jetzt müssen wir einen Schritt weiter gehen und die Qualität der Tätigkeit der rückbaukundigen Personen absichern. Wir müssen das Niveau heben, Akkreditierung oder Zertifizierung wären denkbare Möglichkeiten. Es wurde begonnen, die zugrundeliegende Norm, die ÖNORM B 3151, akkreditierbar zu machen, um Qualitätsunterschiede wegzubekommen. Wir wollen eine Qualität definieren, egal ob für kleine oder große Baustelle. Denn die Trennpflicht gilt unabhängig von der anfallenden Abfallmenge. Es sind Schadstoffe in kleinen Gebäuden genauso verbaut wie in großen. Auch eine regelmäßige Überprüfung der Kompetenz der Gutachter:innen ist geplant. Wir müssen die Qualität der Tätigkeit der Gutachter:innen heben, derzeit ist es nicht zufriedenstellend.

Belazzi: Meine letzte Frage ist zu asbesthaltigen Natursteinen. Diese dürfen – trotz Asbestverbot – weiterhin legal verkauft und damit eingebaut werden.

Kraus: Ja, das stimmt. Abfallseitig ist alles klar: Wenn ein Abfall, egal ob der Asbest technisch zugesetzt wurde oder „natürlicherweise“ im Stein vorhanden ist, mehr als 0,1 Gewichtsprozent Asbest enthält, dann handelt es sich um einen gefährlichen Abfall und dieser ist als asbesthaltig zu entsorgen. Das gilt auch für den Verschnitt bei der Neuverarbeitung.

Wir haben das Thema auch in anderen Anwendungen. Manche Hartgesteine enthalten z.B. erhöhte Mengen an Nickel oder anderen Schwermetallen. Auch hier gilt: Erst beim Rückbau wird der Schadstoffgehalt schlagend. Das Abfallrecht ist augenscheinlich weiter. Wir müssen hier Produktrecht und Abfallrecht zusammenführen. Es gibt noch viel zu tun.

Wien, im März 2024

WUK Ansicht Währingerstraße, 2021 vor Sanierungsbeginn

Kulturzentrum WUK

Kulturzentrum WUK

Das WUK (Werkstätten- und Kulturhaus) ist ein alternatives Kulturzentrum in der Währinger Straße 59 im 9. Wiener Gemeindebezirk, untergebracht in dem historischen Baukörper der ehemaligen Eisenbahn- und Maschinenfabrik. Dieses war 1855 errichtet worden. 1884 wurde das Gebäude in eine Schule, das TGM, umgewandelt, die bis zur Übersiedlung 1979/1980 vor Ort war. Dann begann die Diskussion über die Nachnutzung der Liegenschaft, die von Parkgarage bis Wohnbau reichte.

Engagierte Bürger:innen verhinderten den Abbruch und gründeten den „Verein zur Schaffung offener Kultur- und Werkstättenhäuser (WUK)“. Dieser bewirtschaftet seit 1981 die Liegenschaft, die zu den größten Einrichtungen dieser Art in Europa zählt. Zentrale Funktionen sind der Kulturbetrieb, Bildungs- & Beratungsangebote und das soziokulturelle Zentrum.

bauXund wurde von der Stadt Wien (MA34), dem Liegenschaftseigentümer, 2021 mit der Schad- und Störstofferkundung und anschließend mit der Rückbaubegleitung der Schadstoffe in der Bauphase beauftragt. Die umfangreiche Sanierung der 12.000 m² ist 2024 abgeschlossen. Ziel ist, das WUK zukunftsfit mit Focus auf Barrierefreiheit und Ökologisierung zu machen.