Univ. Prof. DI Dr. techn. Azra Korjenic © Nini_Tschavoll
Fassadenbegrünung, © TU Wien
Menschen im Mittelpunkt, © TU Wien
„Öko-Freiland Prüfstand“ © TU Wien
„Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen“
Interview mit Univ.-Prof. DI Dr. Azra Korjenic, Leiterin des Instituts für Werkstofftechnologie, Bauphysik und Bauökologie an der Fakultät für Bau- und Umweltingenieurwesen der TU Wien.
Das Interview führt Dr. Thomas Belazzi, Geschäftsführer der bauXund gmbh.
Belazzi: Bitte um eine kurze Vorstellung.
Korjenic: Ich bin Bauingenieurin und machte meine Dissertation und Habilitation im Bereich Bauphysik, an der TU Wien. Seit Anfang 2019 bin ich Universitätsprofessorin (vorher war ich Associate Professorin) und seit Anfang 2024 auch Institutsleiterin. Das Institut hat drei Abteilungen: Baustofflehre und Werkstofftechnologie mit Univ.-Prof. Agathe Robisson, Bauphysik mit Univ.-Prof. Thomas Bednar und meine Abteilung Ökologische Bautechnologien.
Belazzi: Was sind die Arbeitsschwerpunkte in Ihrem Bereich?
Korjenic: Wir bearbeiten drei Themenbereiche: Einer ist die Gebäudebegrünung, etwa grüne Fassaden, Innenraumbegrünung, Innenhofbegrünung und begrünte Dächer, auch kombiniert mit PV. Der zweite beschäftigt sich mit ökologischen Materialien, deren Entwicklung, dem Einsatz in Konstruktionen sowie technischen Prüfungen. Beispiele für diese Arbeit sind das bereits abgeschlossene Projekt „natuREbuilt“ und das vor kurzen gestartete „natuREnovation“. Der dritte Bereich hat Green und Smart Cities zum Thema. Hier arbeiten wir interdisziplinär und optimieren Straßenzüge und ganze Stadtteile.
Belazzi: Wie funktioniert das konkret?
Korjenic: Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen. Technisch lässt sich vieles entwickeln, wichtig ist, dass die Lebensqualität der Menschen verbessert wird. Unsere Arbeiten verbinden daher Gebäudebegrünung, ökologische Materialien, konstruktive Lösungen sowie Green- und Smart-City-Ansätze mit dem Ziel, Gebäude und Stadträume klimaresilienter, gesünder und lebenswerter zu gestalten. Sommerliche Überwärmung ist dabei ein zentrales Thema, sowohl im Objekt als auch im Freibereich. Zu beachten sind die Bedürfnisse aller Bevölkerungsgruppen, die etwa für Kinder und Senior:innen unterschiedlich sind. Bauen muss daher nicht nur technisch funktionieren, sondern auch gesund, zugänglich, leistbar und inklusiv sein.
Belazzi: Welche Herausforderungen leiten sich daraus für die Bauwirtschaft ab?
Korjenic: Eine der größten Herausforderungen ist der Umgang mit dem Gebäudebestand. Dieser ist die zentrale Aufgabe, er ist Materiallager und ist zentraler Hebel für Kreislaufwirtschaft, Klimaschutz und Klimawandelanpassung. Wenn wir die Klimaziele erreichen wollen und über CO2-Reduktion reden, dann können wir nicht über Neubau reden, die Sanierung ist das Hauptthema. In der Lehre ist das auch ein sehr wichtiges Thema. Studierende müssen lernen, den Bestand nicht als Einschränkung, sondern als Ressource zu sehen.
Belazzi: Welche Themenstellungen ergeben sich daraus?
Korjenic: Ich sehe ein großes Problem darin, dass sich manche Personengruppen in der Baubranche nicht mit diesen neuen Fragestellungen beschäftigen wollen. Das ist etwa der Einsatz neuer Materialen, die sie noch nicht kennen, ebenso die standardmäßige Umsetzung einer Schadstofferkundung des Bestandsgebäudes vor der Sanierung. Auch das Thema Klimawandelanpassung ist in vielen Köpfen noch nicht wirklich angekommen. Dabei ist letztere eine zentrale Fragestellung, die die langfristige Nutzbarkeit und damit Werthaltigkeit der Immobilie sicherstellt.
Belazzi: Das heißt, die Wissensvermittlung ist zu verbessern?
Korjenic: Wir haben damit echt ein Problem. Das beginnt an HTL-s und auch auf der Universität, wo etwa auf der TU Wien bis heute in den Lehrplänen dieses Wissen in Studien für Bau- und Umweltingenieur:innen sowie Architektur nicht verpflichtend ist. Dies setzt sich fort bei der berufsbegleitenden Fortbildung. Ich bin regelmäßig als Referentin an der zt: akademie, ehemals Arch+Ing Akademie, tätig, insbesondere zu Gebäudebegrünung und ökologischen Bautechnologien. Aber auch dort ist die Teilnahme nicht verpflichtend, man spricht wie auf der Universität zu Interessierten und trifft oft dieselben Personen. Außerhalb dieser relativ kleinen Gruppe landen leider zu wenig oder falsche Informationen. Wie sollen diese Themen in Planung und Bau von Projekten standardmäßig integriert werden, wenn sie zu wenig gekannt werden?
Belazzi: Das ist das Thema der Kommunikation außerhalb der eigenen Blase. Wie kann das Interesse an diesem neuen Wissen geweckt werden?
Korjenic: Innovative Demoprojekte, die gut umgesetzt, gemonitort und dann aktiv kommuniziert werden, sind hier sehr wichtig. Denn sie zeigen, dass diese neuen Baustoffe technisch funktionieren. Bauforschung ist ebenso sehr wichtig. So haben wir etwa im Projekt natuREbuilt einen 25 Jahre alten Schafwoll-Dämmstoff aus einer schadhaften Konstruktion gemessen. Dessen Farbe war etwas anders, aber die Wärmeleitfähigkeit war gleich wie bei neuer Schafwolle. Solche Beispiele aus der Praxis sind sehr wichtig, denn sie zeigen die langfristige Funktionsfähigkeit.
Belazzi: Ist das Kostenthema ein weiterer Hemmschuh für das ökologische Bauen?
Korjenic: Es ist die Kostenbetrachtung gleichzeitig Herausforderung und Hemmnis. Fast alle Lösungen werden isoliert nach Investitionskosten beurteilt, was falsch ist. Lebenszykluskosten, Rückbau- und Entsorgungskosten, Langlebigkeit, um nur einige Themen zu nennen, werden viel zu wenig bis gar nicht mitbeachtet. Wenn man diese mitdenkt, dann haben wir kein Kostenthema mit dem ökologischen Bauen.
Belazzi: Rückbau- und Entsorgungskosten waren aus meiner Erfahrung in der Planung noch nie am Radar der Projektentwickler und Bauherrn. Wir sehen das als Schadstofferkunder jeden Tag. Baustoffe, die etwa Asbest, Schwermetalle, PVC oder FCKW enthalten, sind oft extrem teuer rückzubauen und zu entsorgen. Diese Kosten liegen oft weit über den Anschaffungskosten dieser Baustoffe, mindern den aktuellen Gebäudewert und belasten das Sanierungsbudget signifikant.
Was tut die Gesetzgebung, um die notwendigen Veränderungen zu beschleunigen? Wird das nachhaltige Bauen etwa durch EU Green Deal gefördert?
Korjenic: Gesetzliche Rahmenbedingungen sind wichtig für diese Veränderung. Im Zuge der Umsetzung der EU-Gebäuderichtlinie und der Green-Deal-Ziele wird die neue OIB-Richtlinie 7 relevant. Dort soll etwa geregelt werden, dass das Treibhauspotenzial von Gebäuden über den Lebenszyklus künftig verpflichtend im Energieausweis ausgewiesen wird. Ab 2028 ist dies zunächst für neue Gebäude über 1.000 m² Nutzfläche vorgesehen, ab 2030 für alle neuen Gebäude. Die Programme für die Energieausweis-Berechnung müssen diese Anforderungen daher rechtzeitig integrieren. Damit werden die grauen Emissionen der eingesetzten Baustoffe und Bauteile, ihr CO₂-Rucksack, wenn man es so ausdrücken will, verpflichtend sichtbar gemacht. Das wird die notwendige Veränderung unterstützen.
So bekommen dann auch die Planenden ein Gefühl, welche Baustoffe und Bauteile welche CO2-Emissionen in der Produktion und über den Lebenszyklus verursachen. Und so kann darauf aufbauend optimiert werden, so wie es früher mit U-Werten von Bauteilen gemacht wurde.
Belazzi: Erfreulich ist, dass das Thema bei vielen Baustoffherstellern bereits angekommen ist. Seit ein bis zwei Jahren gibt es viel mehr innovative, CO2-reduzierte Bauprodukte mit Ökobilanzberechnungen mittels EPDs.
Korjenic: Genau. Aber Probleme haben kleine Hersteller, weil Prüfungen und Berechnungen teuer sind. Hier fehlt es aus meiner Sicht an staatlicher Unterstützung für diese kleinen, regionalen Hersteller. Denn diese sind oft sehr innovativ, diese dürfen wir nicht verlieren.
Belazzi: Wenn Sie einen Wunsch zum besprochenen Thema an die Fee hätten, der sicher in Erfüllung geht, was wäre dieser?
Korjenic: Ich wünsche mir, dass beim Planen und Bauen die Lebenszykluskosten betrachtet werden, nicht nur Investitionskosten. Es muss die Minimierung des Ressourceneinsatzes beachtet werden, um die Umweltwirkungen zu verringern, schadstofffreie Bauteile sind bei hoher Qualität an zukünftige Klimabedingungen anzupassen. Ziel ist ein ganzheitliches Verständnis von Bauqualität, das ökologische Verantwortung, technische Dauerhaftigkeit, wirtschaftliche Tragfähigkeit, gestalterische Angemessenheit und soziale Verträglichkeit als gleichwertige und miteinander verbundene Grundlagen zukunftsfähigen Bauens begreift. Wir bauen für Menschen und diese sollen im Mittelpunkt stehen.
Wien, im Juni 2026
