Simon Breidenbach

© Claytec

„Wir arbeiten seit 40 Jahren am Thema Lehm!“

Interview mit Simon Breidenbach, Gesamtvertriebsleiter Deutschland und Geschäftsführer Österreich der Claytec Lehmbaustoffe GmbH

Das Interview führt Dr. Thomas Belazzi, Geschäftsführer der bauXund gmbh.

Belazzi: Bitte um eine kurze Vorstellung Ihrer Person und Firma.

Breidenbach: Claytec ist ein deutscher Hersteller von Lehmbauprodukten, der europaweit tätig ist. Mein Vater führt das Unternehmen gemeinsam mit meinem Bruder und mir. Ich habe in Deutschland Wirtschaftswissenschaften und anschließend in Wien Export- und Internationalisierungsmanagement studiert. Mein fachliches Wissen haben ich im Familienbetrieb über viele Jahre aufgebaut, eine formelle Ausbildung habe ich dafür nicht.

Belazzi: Produziert Claytec auch in Österreich?

Breidenbach: Derzeit noch nicht. Unsere Märkte sind von Vorarlberg und Tirol, dort viel im Holzbau bis Wien, wo mehr Objektbau ist, verteilt. Daher haben wir uns für eine Produktion in Bayern entschieden, damit können am besten alle österreichischen Projekte gleichzeitig bedienen.

Belazzi: Claytec ist ein Familienbetrieb. Wie waren die Anfänge?

Breidenbach: Der Baustoff Lehm beschäftigte meine Familie seit Anfang 1980er Jahre. Meine Großeltern hatten ein Architekturbüro und suchten damals eine ausführende Firma, die Lehm für Fachwerkhaus-Sanierung verarbeiten konnte und fanden niemand. Das hat dann mein Vater als ausführende Firma übernommen und mit der Produktion von Lehmbaustoffen begonnen. Zuerst wurden diese immer direkt auf der Baustelle hergestellt, das war dann irgendwann nicht mehr praxistauglich. Seit Ende der 1990er Jahre liegt der Focus auf die Produktion von Lehmbaustoffen, wir machen keine ausführenden Tätigkeiten mehr. Wir verarbeiten 50.000 Tonnen Lehm jährlich und haben etwa 100 Mitarbeiter:innen.

Belazzi: Den Bodenaushub der Baustelle direkt vor Ort verarbeiten, um Abfälle zu reduzieren und Kreisläufe zu schließen. Diese Idee wird immer wieder verfolgt, was sich aber oft als schwierig umsetzbar herausstellt. Warum ist das so?

Breidenbach: Grundsätzlich kommt das Interesse am Thema Aushub daher, dass dieser der mit Abstand größte Abfallstrom in einer Volkswirtschaft ist. Lehm ist ein Gemisch, es besteht aus Ton, Sand und Schluff. Diese können an unterschiedlichen Standorten untereinander stark variieren, zusätzlich können organische Bestandteile, aber auch Schadstoffe enthalten sein. Lehm von zwei, beispielsweise 500 Meter auseinanderliegenden Standorten, kann sehr unterschiedlich sein und natürlich auch am selben Platz in unterschiedlichen Tiefen derselben Baugrube.

Belazzi: Damit ist das Thema Qualitätssicherung ein wichtiges.

Breidenbach: Genau. Wie für jedes andere Produkt, das man herstellt, unterliegt man einer Gewährleistung, unser größtes Thema ist daher die Qualitätssicherung. Wir investieren sehr viel um ein gleichbleibendes Produkt zu produzieren, das allen Normen entspricht. Das ist mit wechselnden Rohstoffen nicht machbar. Daher ist es für uns wichtig, eine über Jahre konstante Rohstoffquelle mit gleicher Lehmzusammensetzung zu haben.

Belazzi: Woher bezieht Claytec seinen Rohstoff? Aus einer eigenen Lehmgrube?

Breidenbach: Nein. Unser Lehm ist ein Sekundärrohstoff. Lehm fällt bei der Kiesgewinnung als Deckschicht an. Dieser Lehm ist damit genauso wie Baugrubenaushub ein Abfall, nur günstiger, einfacher, hochwertiger. Wir verwenden sandigen Lehm mit wenig Tonanteil. Daher benötigen wir weniger Sand, der fast immer Primärrohstoff ist. Damit minimieren wir den Sandanteil und damit den Primärmaterialanteil im Endprodukt. Das ist ein großer ökologischer Vorteil.

Ich bin der Auffassung das Lehmbaustoffe viel können, aber sie müssen nicht alles können. Die Zukunft des Bauens entsteht aus meiner Sicht durch das Zusammenspiel unterschiedlicher kreislauffähige Bauprodukte. Jeder Baustoff trägt mit seinen guten Eigenschaften dazu bei.

Belazzi: Das Interesse an der Ökobilanzierung ist aus unserer Beobachtung in den letzten Jahren in Österreich deutlich gestiegen. Und damit die Aufmerksamkeit auf die Herstellungsenergien der Baustoffe. Teilt Sie diesen Eindruck?

Breidenbach: Ich habe bei Claytec zwei Jobs, die einmal den deutschen und einmal den österreichischen Markt bedienen. Ein Kollege betreut die Claytec-Projekte in Skandinavien und Benelux. Ich habe daher einen guten Überblick über verschiedene Länder. Mein Eindruck ist, dass das Interesse an den CO2-Emissionen aus der Baustoffherstellung in anderen europäischen Ländern viel früher begann und heute viel stärker ist als in Österreich. Es wäre fein, wenn Österreich nun aufschließt.

Da im Herstellungsverfahren von Lehmprodukten keine energieintensiven Prozesse benötigt werden, ist natürlich das Einsparpotenzial bei unserer Produktion viel geringer, aber natürlich ist ein bisschen Optimierung immer möglich. Wir haben eine EPD für Lehmputze und Mörtel, eine Aktualisierung der Ökobilanz für die Lehmbauplatte ist in Arbeit.

Belazzi: Wer verwendet Lehmbauprodukte statt konventionellen Baustoffen?

Breidenbach: Unser Brot-und-Butter Geschäft ist die breite Anwendung in der Sanierung und auch der Do-it-yourself Bereich spielt eine große Rolle, wo man mit Eigenleistung die Gesamtkosten senkt. In der Sanierung gibt es für Lehm handfeste bautechnische Gründe, wie die Sanierung von Wiener Zinshäusern mit diffusionsoffener Innendämmung. Diese wird genommen, weil der Bauherr keine Lust mehr auf Bauschäden hat. Man muss beim Baustoff Lehm nicht nur mit Nachhaltigkeit argumentieren, es gibt einen ganzen Strauß an handfesten bautechnischen Argumenten für den Baustoff. Das ist erfrischend.

Belazzi: Was sind die bauökologischen Vorteile von Lehm in Innenausbau?

Breidenbach: Da gibt’s insbesondere vier Argumente: Erstens die Feuchteaufnahme und -abgabe. Lehm kann Feuchtigkeit puffern. Das führt zu einer sehr konstanten Luftfeuchtigkeit, die sehr gut fürs Wohlbefinden ist. Auch die Gebäudetechnik läuft so konstanter und damit kostengünstiger. Zweitens die tolle Ästhetik: Lehm gibt’s nicht nur in braun, auch in schwarz, grün, gelb, weiß, durch natürliche farbige Tone. Drittens werden Gerüche aufgenommen und nicht mehr abgegeben. Und viertens ergibt sich eine verbesserte Akustik, weil Lehm eine große Oberfläche hat.

Belazzi: Wenn Sie einen Wunsch zum besprochenen Thema Lehm in der Bauwirtschaft an die Fee hätten, der sicher in Erfüllung geht, was wäre dieser?

Breidenbach: Mein Wunsch wäre, dass die Kosten des verbauten Materials zu 100% auf den gesamten Lebenszyklus des Gebäudes gerechnet werden müssen. Dann wäre das Mehrkostenthema erledigt, dann würden sich nachhaltige Baustoffe durchsetzen. Hersteller von natürlichen Baustoffen haben nur in der ersten Phase, der Errichtung, ein Mehrkostenthema. Lehm ist sofort ab dem Zeitpunkt der Mitbetrachtung der Betriebsphase kostengünstiger. Und bei zusätzlicher Berücksichtigung der Rückbau- bzw. Neunutzungsphase wäre der Vorteil noch größer.

Wien, im November  2025