© Bernadette Luger
© Andreas Neureiter im Auftrag von MIA GmbH
Das Urban Living Lab „Zirkuläres Bauen Wien“ ist ein Reallabor, das im Rahmen des Programms DoTank Circular City Wien 2020–2030 von der Magistratsdirektion – Bauten und Technik initiiert und durch das Innovationsmanagement der Stadt Wien (MA 23) gefördert wird.
Ziel ist es, konkrete Lösungsansätze für zirkuläres Planen und Bauen in Wien zu entwickeln – in enger Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung.
Seit Mitte 2024 bringt das Urban Living Lab als Katalysator für Co-Kreation zahlreiche Akteur*innen aus der Wiener „Kreislaufwirtschafts-Community“ zusammen. In dialog- und experimentbasierten Formaten wird gemeinsam an praktischen Fragen des zirkulären Bauens gearbeitet, Theorie und Praxis verknüpft und Änderungsbedarfe für zirkuläre Rahmenbedingungen identifiziert. Das Reallabor läuft bis Ende 2025.
„Material und Emissionen finden durch Kreislaufwirtschaft zueinander“
Interview mit Arch.in Dipl.-Ing. in Bernadette Luger, MSc, Leiterin der Stabsstelle Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit im Bauwesen in der Stadtbaudirektion der Stadt Wien.
Das Interview führt Dr. Thomas Belazzi, Geschäftsführer der bauXund gmbh.
Belazzi: Bitte um eine kurze Vorstellung Ihrer Person und Position.
Luger: Ich habe Architektur in Wien und Delft studiert, danach einige Jahre in verschiedenen Architekturbüros gearbeitet und schließlich die Ziviltechniker-Prüfung abgelegt. Nach einem berufsbegleitenden Master in Integrative Stadtentwicklung bin ich 2019 zu Urban Innovation Vienna gewechselt. Seit 2022 leite ich in der Stadtbaudirektion der Stadt Wien die Stabsstelle Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit im Bauwesen. Der Name ist unser Programm, und die Kreislaufwirtschaft das Werkzeug, um dieses umzusetzen.
Belazzi: Was sind die zentralen Themen?
Luger: Für die Stadt Wien ist die Etablierung der Kreislaufwirtschaft – neben Klimaschutz und Klimaanpassung – ein zentrales Ziel. Wir sprechen hier von den „3 Ks“. Der politische Auftrag dazu ist in Gemeinderatsbeschlüssen zur Smart Klima City Strategie, zum Wiener Klimafahrplan oder zum Wiener Klimagesetz festgehalten.
Mein Fokus liegt auf Kreislaufwirtschaft im Bauwesen. Es geht darum, den Wandel zum zirkulären Bauen voranzutreiben. Das ist ein Querschnittsthema, das nur im Zusammenspiel vieler Stellen funktioniert. Wien bearbeitet solche Themen in der Regel in magistratsweiten Programmstrukturen, die unterschiedliche Dienststellen und Unternehmungen bzw. Unternehmen der Stadt einbindet. Wichtig ist, verschiedene Perspektiven und Expertisen zusammenzuführen. Das Programm heißt „DoTank Circular City Wien 2020-2030“. Beauftragt wurde es von Stadtbaudirektor Bernhard Jarolim. Unser Ziel: das Konzept der Kreislaufwirtschaft mit konkreten Projekten und Aktivitäten in die Praxis bringen.
Belazzi: Was ist der Zeitplan?
Luger: Der Zielhorizont des Programms ist 2030. Warum? Weil die Smart Klima City Strategie vorgibt, dass kreislauffähiges Planen und Bauen – im Neubau wie in der Sanierung – bis dahin Standard sein soll. Dahinter stehen EU-Richtlinien und Verordnungen, die national umzusetzen sind. Ein Beispiel ist die EU-Gebäuderichtlinie (EPBD). Demnach müssen ab 1. Jänner 2028 die Emissionen eines Gebäudes (Neubau ab 1.000 m2), und zwar sämtliche Module der Lebenszyklusanalyse, offengelegt werden. Ab 2030 gelten Grenzwerte für den CO₂-Ausstoß. Zirkuläres Bauen – und die Anforderungen aus der EU-Bauprodukteverordnung dazu – helfen uns dabei. Nur wenn wir unseren Materialeinsatz neu denken, lassen sich Emissionen spürbar senken. Mit den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft – weniger verbrauchen, länger nutzen, wiederverwenden – entwickeln wir also schon heute konkrete Maßnahmen, um Materialverbrauch und Emissionen gleichermaßen zu verringern. Die Stadt arbeitet hier vorausschauend.
Belazzi: Und was ist der aktuelle Stand bzw. welche Schritte braucht es, um Kreislaufwirtschaft im Bauwesen Realität werden zu lassen?
Luger: Wir stehen mitten im Übergang – von der jahrzehntelang eingeübten Linearwirtschaft hin zur Kreislaufwirtschaft. Viele Bausteine müssen Schritt für Schritt zusammengesetzt werden: von kleinen Anpassungen bis zu großen Systemveränderungen.
Dazu gehört, die Herausforderungen in der Praxis zu erkennen, praktikable Vorgaben zu entwickeln und alle Beteiligten mitzunehmen. Grundvoraussetzung dafür ist, kontinuierlich Bewusstsein zu schaffen – etwa durch Wettbewerbe oder konkrete Projekte, an denen wir ausprobieren und lernen, was funktioniert.
Und weil Kreislaufwirtschaft im Bauwesen nur gemeinsam gelingt, haben wir im Rahmen des Programms das Projekt „Urban Living Lab Zirkuläres Bauen Wien“ gestartet. Es bindet Akteur*innen über die Programmstruktur hinaus ein und ist ein zentraler Teil des Transformationsprozesses.
Belazzi: Die Stadt strebt zirkuläres Planen und Bauen als Standard an. Dann muss dieses definiert und messbar sein. Wie soll das geschehen?
Luger: Zunächst möchte ich betonen: Dieses Ziel ist kein Selbstzweck. Es ist vorausschauendes Handeln – damit wir in Wien auch morgen noch gut leben können. Dafür ist es wichtig zu verändern, wie wir mit Ressourcen umgehen. Ressourcen werden aktuell verschwendet. Die Kreislaufwirtschaft ist das zentrale Werkzeug, um das zu ändern.
Um zu zeigen, wie konkret, haben wir den Zirkularitätsfaktor Wien – kurz ZiFa – gestartet. Er ist mehr als ein reines Bewertungssystem. Er ist Kompass und Steuerungselement zugleich: Er zeigt, was zirkuläres Bauen bedeutet, macht es messbar und treibt den Wandel aktiv voran. ZiFa 1.0, entwickelt mit der BOKU Wien (Prof. Kromoser), liefert uns die wissenschaftliche Basis. Jetzt gehen wir – gemeinsam mit dem Auftragnehmer*innen-Team pulswerk | ÖGUT | ZT Romm – in die Praxis: Wir testen den ZiFa an realen Bauprojekten, lernen, welche Informationen wirklich gebraucht werden, wie einfach die Anwendung ist und wo der Markt steht. Ende 2026 soll ZiFa 2.0 vorliegen und breit anwendbar sein.
Warum wir das als Stadt selbst entwickeln? Weil es bislang kein gesamthaftes, praxisnahes, auf den Wiener Kontext zugeschnittenes und unabhängiges System gibt. Mit dem ZiFa schaffen wir ein frei zugängliches Werkzeug, das auf unsere Ziele und Prozesse ausgerichtet ist. Gleichzeitig bauen wir eigenes Know-how auf und können den Diskurs proaktiv, gemeinwohlorientiert und zukunftsgerichtet mitgestalten – noch bevor EU-Vorgaben (wie EPBD oder Bauprodukte-Verordnung) verbindlich werden.
Belazzi: Die Kreislaufwirtschaft hat mittel- und langfristig auch eine hohe wirtschaftliche Bedeutung für Wien bzw. Österreich.
Luger: Richtig. Sie macht unsere Volkswirtschaft stärker, denn sie reduziert die Ressourcenabhängigkeit, schafft neue und sichert bestehende Arbeitsplätze ab. Es ist Standortpolitik, unabhängig von Klima- und Umweltfragen.
Belazzi: Was muss ein Bauträger in Wien zukünftig verstärkt beachten, was wird anders?
Luger: Ganz einfach: Materialverbrauch und die damit verbundenen Umweltwirkungen, wie Emissionen, werden zentrale Entwurfs- und Entscheidungskriterien. Auftraggeber*innen und Planende müssen sich fragen: Wie gehe ich mit Baustoffen um? Wie viel verbrauche ich davon? Wie kann ich energieintensive Primärrohstoffe reduzieren, Gebäude langlebiger und umnutzungsfähig gestalten und später auf die verbauten Materialien zurückgreifen? Das Ziel ist klar, der Weg flexibel.
Wichtig ist: Kreislaufwirtschaft muss integraler Bestandteil jeder Bauentscheidung werden – und sie beginnt bereits beim ersten Entwurf. Zirkuläres Bauen geht weit über die Materialwahl hinaus: Räumliche Qualitäten und Nutzungsflexibilität sind zentrale Faktoren, die bisher oft zu wenig Beachtung fanden – dabei entscheiden sie maßgeblich darüber, wie lange ein Gebäude genutzt werden kann. Genau darauf geht auch der ZiFa ein.
Belazzi: Welche praktischen Umsetzungsschritte setzt die Stadt Wien zur Kreislaufwirtschaft?
Luger: Dies erfolgt bereits in aktuellen Stadtentwicklungsgebieten wie Seestadt Aspern und am Nordwestbahnhof ebenso in zukünftigen wie Rothneusiedl. Die Wohnbauförderung bildet das Thema in Bauträgerwettbewerben ab, auch Wettbewerbe der Stadt Wien, etwa zu den Schulcampus-Objekten enthalten bereits Vorgaben zum zirkulären Bauen.
Wien geht hier wichtige Schritte – aber der Wandel braucht noch viel mehr. Ob er gelingt, hängt davon ab, wie sehr alle an einem Strang ziehen.
Wien, im September 2025
